Dr. Peter Lodermeyer über Joachim Hiller

Joachim Hiller widmet sich seit 1969 ausschließlich der Malerei. Während dieser Jahre ist eine Vielzahl stets abstrakter Werkgruppen entstanden, die er erst seit wenigen Jahren öffentlich zeigt.

Das Werkverzeichnis (ca. 2000 Arbeiten, Stand: Juni 2012)

Geschichte, Aufbau und Struktur von Werkverzeichnissen sind so unterschiedlich wie die Künstler, deren Arbeiten sie dokumentieren. Für die wenigsten jedoch gilt, was Theodor W. Adorno einst mit ironischem Unterton über Richard Wagner sagte: „Vom ersten Tag an ist er der Autor seiner sämtlichen Werke gewesen“. Auch Joachim Hiller gehört nicht zu dem Künstlertypus, der immer schon das „Œuvre“ anvisiert, dementsprechend jede Arbeit dokumentiert und ein umfassendes Archiv als Voraussetzung des künftigen Werkverzeichnisses anlegt – ganz im Gegenteil, möchte man sagen. Das vorliegende Verzeichnis spiegelt den ungewöhnlichen künstlerischen Werdegang von Joachim Hiller wider. Wenn es jetzt, im Sommer 2012, im 79. Lebensjahr des Künstlers, zunächst als Online-Publikation, erscheint, dann trägt es in sich die Spuren dreier einschneidender Entscheidungen, die Hillers Laufbahn als Künstler wesentlich bestimmt haben.

Die wichtigste Entscheidung fiel 1969. Damals beschloss der 35-jährige Werbegrafiker und Artdirector Joachim Hiller, seinen ungeliebten Brotberuf aufzugeben und von nun an ausschließlich als freier Künstler zu arbeiten.
Die zweite, ungewöhnliche, ja radikale Entscheidung fiel kurze Zeit später und bestand in Hillers Entschluss, die Malerei abseits der Öffentlichkeit nur für sich selbst zu betreiben, ohne Galerievertretung, ohne Ausstellungsbeteiligungen und ohne den Kontakt zu Künstlerkollegen.
Die dritte Entscheidung war dann die Revision dieses Entschlusses nach mehr als 35 Jahren. Seine Ausstellung im Sommer 2005 in den Mainzer Bonifaziustürmen und die Vertretung seiner Werke durch die Wiesbadener Galerie Nero seit Mai 2006 markieren den Beginn von Hillers Bereitschaft, sein mittlerweile sehr umfangreiches und in zahlreiche Techniken und Werkphasen ausdifferenziertes Œuvre nun doch durch Ausstellungen und Publikationen öffentlich zugänglich zu machen.

Die Tatsache, dass Joachim Hiller dreieinhalb Jahrzehnte lang ganz im Verborgenen und ohne den Gedanken an ein mögliches Publikum gearbeitet hat, schlägt sich in mehrfacher Hinsicht im vorliegenden Werkverzeichnis nieder. Paradoxerweise ist sie genau der Grund dafür, dass es überhaupt und in relativ kurzer Zeit erstellt werden konnte. Denn der überwiegende Teil der Arbeiten befindet sich noch im Besitz des Künstlers und konnte somit ohne Recherche- und Reiseaufwand fotografiert und katalogisiert werden. Ein wichtiger Punkt betrifft die Datierung der Arbeiten. Hier sei wiederholt, was ich zu diesem Thema 2009 in dem Buch „Hiller. Werkbiografie“ geschrieben habe: „Hiller hat, zum Schrecken des Kunsthistorikers, seine Werke mit ganz wenigen Ausnahmen undatiert gelassen. Dies ist offenbar ein Teil des Eigensinns dieses Künstlers. Ohne die Hilfe seiner Ehefrau Ingetraud wäre eine halbwegs zuverlässige Datierung der Arbeiten unmöglich oder bestenfalls ein Ratespiel gewesen. Anhand zahlreicher eindeutig datierbarer ‚Leitfossilien’ hat sie die Entstehungsdaten der hier gezeigten Werke nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt.“ Dass die nachträgliche Datierung nicht in jedem Falle zweifelsfrei gelingen kann, liegt auf der Hand. Insbesondere die Tatsache, dass Hiller immer wieder Techniken und Motive älterer Serien neu aufgreift und weiterführt, erschwert die zeitliche Einordnung im Einzelfall zusätzlich. Sollten neue Indizien die Neudatierung einzelner Werke erforderlich machen, wird das Werkverzeichnis entsprechend aktualisiert. Diese Bemerkung gilt nicht für die Arbeiten ab 2005, denn diese sind bestens und mit gesicherter Datierung dokumentiert.

Dass das Werkverzeichnis Joachim Hillers vorerst als Online-Publikation zugänglich ist (und nicht, wie zunächst geplant, in gedruckter Form), ist seinen noch bestehenden Leerstellen geschuldet. Einem work in progress entspricht die zeitgemäße und flexiblere Publikationsform im Internet ohnehin besser, zumal sie dem Benutzer die Möglichkeit bietet, sich gezielt interessierende Werkabschnitte als PDF herunterzuladen. Zurzeit sind annähernd 2000 Arbeiten erfasst, doch zahlreiche Werke wurden (auch bereits vor 2005) verkauft, ohne dass sie zuvor fotografiert und dokumentiert worden wären. Daher werden alle Besitzer von Werken Joachim Hillers gebeten, sich zu melden, damit die noch bestehenden Dokumentationslücken gefüllt werden können. Unvollständig ist das vorliegende Verzeichnis auch insofern, als es bisher nur etwa ein Drittel der Zeichnungen und sonstigen Arbeiten auf Papier dokumentiert. Insbesondere die umfangreiche Reihe von Skizzen, Material- und Arbeitsproben soll erst zu einem späteren Zeitpunkt in das Verzeichnis aufgenommen werden. Der dritte Grund der Unvollständigkeit besteht in der erfreulichen Tatsache, dass Joachim Hiller nach wie vor immer neue Möglichkeiten entdeckt, Farbe so auf die Leinwand zu bringen, dass sich neue, faszinierende Strukturen ergeben, was dazu führt, dass der Umfang des Werkverzeichnisses beständig weiter wächst.

- Peter Lodermeyer, Bonn, Juni 2012 -